Newsletter Nr. 40





Liebe Leser,

in diesem Newsletter berichte ich über das Thema meines Promotionsprojekts und was es mit Sierra Leone zu tun hat – und hoffe, dass es die Länge und der etwas ausholende Einstieg euch nicht vom Weiterlesen abhalten. Viel Freude beim Lesen!


Armut und schlechte Entscheidungen

„Arme Menschen sind arm, weil sie zu viele schlechte Entscheidungen treffen.“
„Menschen sind selbst schuld an ihrer Armut, sie sind faul und müssen einfach härter arbeiten.“

Es handelt sich bei diesen Sätzen zwar um keine direkt zuordenbare Zitate, doch habe ich sie in ähnlicher Form schon mehrmals gehört oder gelesen. Dass Menschen, die von Armut betroffen sind, häufig ‚schlechtere‘ Entscheidungen für sich selbst oder ihre Kinder treffen, lässt sich nicht leugnen: Sie kaufen Dinge, die sie sich nicht leisten können, sie brechen die Schule ab, nehmen lebenswichtige Medikamente nicht regelmäßig ein, sie rauchen häufiger und ernähren sich ungesünder als Menschen, die finanziell besser gestellt sind.

Während der Ebola-Epidemie und meinem Aufenthalt in Sierra Leone habe ich mich auch mehr als einmal gefragt, warum die Menschen so scheinbar einfachen Handlungsaufforderungen nicht nachkamen, um das Infektionsrisiko mit dem Virus zu reduzieren – zum Beispiel sich regelmäßig die Hände zu waschen, Körperkontakt zu reduzieren, Waschungsrituale bei Beerdigungen zu unterlassen, frühzeitig zum Arzt zu gehen.

Die Ursache für Armut liege nicht an der Dummheit, Faulheit oder anderen Charakterfehlern der betroffenen Personen, so ein Ökonom und ein Psychologe der Universität Harvard*. Vielmehr beeinflusse Mangel die Wahrnehmung und das Handlungsvermögen.


Warum führt Mangel zu schlechteren Entscheidungen?

Bevor ich näher auf mein Thema eingehe, ein kleiner Exkurs in die Vergangenheit: Zum Ende des zweiten Weltkriegs rechneten die Alliierten damit, sehr viele mangel- und unterernährte Menschen in Europa anzutreffen. Weil man nicht wusste, wie man mit der Situation umgehen sollte, wie man die Menschen am besten versorgen sollte und welche Auswirkungen der Nahrungsknappheit auf die menschlichen Organismen gehabt hatte, führte die Universität Minnesota ein Experiment durch: 36 Freiwilligen wurde über 24 Wochen die Kalorienzufuhr drastisch beschränkt, gleichzeitig mussten sie starker physischer Aktivität nachgehen. Der Hungerphase folgten zwei unterschiedlich stark reglementierte Regenerationsphasen.

Trotz der relativ kurzen Dauer des Experiments (im Vergleich zu der Situation, das es nachbilden sollte) zeigten sich schon schnell die Auswirkungen des Hungers – der erwartbare Gewichtsverlust auf der körperlichen Ebene, aber auch umfangreiche psychische Konsequenzen: die Probanden schlossen deutlich schlechter in Intelligenz- und Logiktests ab, ihre Konzentration nahm ab, einige wurden aggressiv. In regelmäßig stattfindenden Interviews gaben die meisten der Teilnehmer an, von Gedanken ans Essen geradezu besessen zu sein, Akademiker zeigten keinerlei Interesse mehr an Büchern oder journalistischen Texten und studierten hingegen die Preislisten von Restaurants und Supermärkten, zwei Teilnehmer wurden ausgeschlossen, weil sie Essen aus Mülltonnen stahlen.

Zugegeben – das Beispiel ist ziemlich drastisch, doch selbst von kleinen Hungerphasen über wenige Stunden können wir uns vermutlich alle daran erinnern, wie unsere Konzentration abnahm, unsere Gedanken vermehrt ums Thema ‚Essen‘ kreisten, wir sogar ungeduldig und missmutig wurden. Wer schon einmal Geldsorgen hatte, dem ist die Erinnerung vielleicht nicht unbekannt, sich Nächte um die Ohren geschlagen zu haben und gedanklich ständig mit den noch zu zahlenden Rechnungen beschäftigt zu sein. Wer eine enge Frist einzuhalten hat, der steht unter Stress. Manchen lähmt dieser Stress, andere laufen unter zeitlicher Knappheit zu Höchstleistungen auf, vernachlässigen dabei jedoch andere Bedürfnisse oder Menschen.


Multiple Ebenen der Knappheit interagieren

Knappheit hat viele Ausprägungen, Facetten und Auswirkungen. Sie kann eine materielle oder finanzielle Ressource (zum Beispiel Geld, Kalorien und Nährstoffe) beschreiben, die nicht ausreichend vorhanden ist. Sie kann aber auch einen Mangel an kognitiven und psychologischen Ressourcen beschreiben (zum Beispiel mangelnde Motivation, Willenskraft, Aufmerksamkeitsspanne und Zukunftsplanung, eine reduzierte Risikowahrnehmung), der oft aus einer anderen Art von Knappheit resultiert, und sich auf unser Verhalten und unsere Entscheidungen auswirkt.

Zahlreiche Experimente der Psychologie und Verhaltensökonomie haben gezeigt: Knappheit vereinnahmt das Denken und andere kognitive Ressourcen. Sie zehrt an unserer Selbstdisziplin, macht uns zu schlechten Planern und verleiht uns einen Tunnelblick. Zudem lässt Knappheit nur einen engen Fehlerspielraum zu: Wer wenig hat, kann wenig investieren und riskiert doch viel mehr als diejenigen, die einen „Puffer“ haben. Das Wissen darum beeinflusst wiederum kognitive Prozesse und begünstigt unvorteilhafte Entscheidungen.

Menschen, die in extremer Armut leben und wie wir sie in einkommensschwachen Ländern finden, sind von Knappheit auf vielen verschiedenen Ebenen betroffen. Die ressourcenarme Umgebung wirkt sich zum Beispiel auf die Qualität der Bildungsangebote aus und kann für den Einzelnen schlechtere Förderung und weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt bedeuten. Eine unzureichende Versorgung im Gesundheitssektor wirkt sich auf den Gesundheitszustand und die psychische und physische Verfassung der betroffenen Personen aus. Oft verstärken sich diese verschiedenen Ebenen der Knappheit noch und führen dazu, dass Menschen in Armutsfallen gefangen sind. Knappheit erzeugt Knappheit, denn der viele Mangel erfordert viele bewusste Entscheidungen; das Haushalten mit zu knappen Ressourcen ist jedoch anstrengend und fordert seinen Tribut auf anderen Ebenen.


Gesundheitsverhalten – Menschen in der Prävention befähigen

Infektions- und lebensstilbedingte Krankheiten sind in Ländern wie Sierra Leone deutlich stärker verbreitet und haben schwerwiegendere Effekte als in Industriestaaten. Strukturelle Veränderungen sowie ein Ausbau und eine Verbesserung des Gesundheitswesens sind absolut wichtig, doch kann der Verbreitung der Krankheiten und ihre Auswirkungen durch menschliches Verhalten vorgebeugt und eingeschränkt werden.

Um Menschen zu befähigen, im Rahmen der ihnen zur Verfügung stehenden physischen, sozialen und psychischen Ressourcen bessere Entscheidungen für ihre Gesundheit zu treffen, muss man die vielen verschiedenen Facetten und Interaktionen der Knappheit verstehen und diese in die Gesundheitserziehung und Interventionen einbeziehen. Genau dies sind die Ziele meiner Arbeit.

Ich werde zunächst in Interviews mit Experten und lokalen Bürgern und einer Analyse bestimmter Interventionen der Dynamik der Mehrebenenknappheit auf den Grund gehen. Die Befunde werde ich dann in Zusammenarbeit mit der Organisation World Hope International, für die ich während und nach dem Ebola-Ausbruch gearbeitet habe, in einem Experiment zum Thema „Handhygiene“ testen.

Da nur mein Lebensunterhalt durch die mich fördernde Stiftung gedeckt wird, finanziere ich alle zusätzlichen Ausgaben wie Reisekosten im Land, Bezahlung eines Dolmetschers etc. selbst, was zu finanzieller Knappheit auch auf meiner Seite führt. Wenn ihr mir eine kleine Pufferzone ermöglichen möchtet – ich würde mich sehr freuen.


Gerne beantworte ich auch weitere Fragen zu meinem Forschungsprojekt.

Bis zum nächsten Newsletter – dann wieder aus Sierra Leone!
Hanna


* ”Scarcity: Why Having Too Little Means So Much” von Eldar Shafir und Sendhil Mullainathan